Mein Lieblingspatient und die Mutter

von Julia

Es gibt Geschichten, die so verrückt sind, dass man sie sich schlecht ausdenken kann. Besonders schön finde ich dann immer solche Geschichten, aus denen Freundschaften entstehen, die eine besondere Bindung haben.

Ich muss vorn beginnen: Seit einigen Jahren betreue ich einen jungen Mann, der vom Hals abwärts gelähmt ist. Als Jugendlicher hatte er einen Unfall, der ihm sprichwörtlich das Genick gebrochen hat. Seitdem sitzt er im Rollstuhl und kann außer dem Kopf nichts bewegen. Pflegestufe 3 mit Zusatzleistungen. Der junge Mann wird von uns aus dem Bett geholt, ins Bett gebracht, gewaschen, angezogen, gefüttert … kurz: wir erledigen alles.

Seine Tage verbringt er damit, mit seinem Rollstuhl mit Kinnsteuerung herumzufahren und Menschen, denen er auf der Straße begegnet von seinem Schicksal zu erzählen. Über diese Kinnsteuerung am Rollstuhl ist er in der Lage alle möglichen Geräte in seiner Wohnung zu bedienen oder auch um die Haustür zu öffnen und zu schließen. Er kann sich also selbständig hin und her bewegen – oder auch bei Regen nach Hause fahren und den Fernseher einschalten. Was er allein nicht kann, wäre Essen oder sich Zigaretten anzünden. Dies betont er regelmäßig unter großem Protest.

Seine Depressionen arteten eine Zeitlang so massiv aus, dass er Kollegen und Kolleginnen von mir übel beschimpfte und sogar bespuckte. Teilweise war es sogar schwer, Mitarbeiter zu finden, die ihn versorgen wollten. Zu genau der Zeit teilte man mich dort ein. Ich wurde gewarnt, machte mir aber keine weiteren Gedanken. Schließlich hatte ich in meinem beruflichen Alltag schon einige schwierige Patienten erlebt. Man hatte nicht übertrieben. Schon als ich die Wohnung betrat, wurde ich mit Beleidigungen überzogen, die jedem Seemann die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätten. Ich reagierte nicht darauf, sondern verrichtete wortlos meine Aufgaben. Nach einiger Zeit wechselte sein Schimpfen in herzzerreißendes Wehklagen, wie arm er sei, dass alle – außer ihm – ein Eis essen könnten und er sich wünsche Gott würde ihn holen oder noch besser – man hätte ihn bei seinem Unfall einfach sterben lassen.

Da platzte mir der Kragen. Ich sah ihm fest in die Augen und sagte, er solle mich mit seinem Mist nicht vollheulen, sondern ganz einfach am nächsten Tag seinen Rollstuhl in den Feuerlöschteich steuern. Dieser ist an den Ufern nicht gesichert und sicherlich tief genug um ihn und sein loses Mundwerk zu ersäufen.

Schweigen.

Er sprach etwa eine Woche kein Wort mit mir, bis er in der zweiten Woche fragte, ob ich mit ihm eine Zigarette rauchen würde. Ich willigte ein. Er gab zu, dass niemand vor mir es gewagt hätte ihm zu sagen, dass er den Mund halten und ins Wasser fahren soll. Alle hätten entweder zurückgepöbelt oder aber wären nicht wiedergekommen. Er verabscheue solche Leute. Ich erklärte meinen Standpunkt und teilte ihm mit, dass ich es mir sicherlich nicht gewünscht hätte, wenn er meinem Aufruf folge geleistet hätte – es aber auch falsch sei, Menschen, die ihm helfen wollen mit solchen Beschimpfungen zu erpressen.

Der Patient blieb für alle anderen Kollegen ebenso ungenießbar wie vorher. Nur bei mir schimpfte er nie wieder. Im Gegenteil. Er schenkte mir sogar Parfum zu meinem Geburtstag, besorgte öfter mal einen Burger zum Abendbrot, wenn ich dazu eingeteilt war ihn ins Bett zu bringen oder überredete mich dazu auf eine Zigarettenlänge länger zu bleiben.

Ein paar Monate später übernahm ich dann auch die ambulante Pflege einer alleinerziehenden Mutter, die während einer Chemotherapie Hilfe im Haushalt benötigte. Dazu gehörte nur die Erledigung von Einkäufen und Mittag für die Kinder kochen. Nur an den Tagen, an denen sie zur Chemo musste. Chemo-Patienten sind oft sehr niedergeschlagen und kraftlos, wenn sie nach der Therapie nach hause kommen. Der beste Platz ist dann tatsächlich das Sofa mit einer Wolldecke. Zwei kleine lebhafte Kinder, die nach Mittag schreien wäre solchen Patienten nicht zumutbar.

Ich habe auch diese Patientin länger betreut und hatte zum Ende ein sehr freundschaftliches Verhältnis zu der kleinen Familie. In einer Arbeitspause traf ich sie dann viel später in der Stadt. Ihr Haar begann langsam wieder zu wachsen und sie sah glücklich aus. Kurzerhand haben wir beschlossen, gemeinsam einen Kaffee in einem der Cafés zu trinken.

Kurze Zeit später hörte ich die Stimme von meinem Rollstuhlpatienten, der sich freute mich zu treffen – und mich direkt fragte, ob ich ihm eine Zigarette anmachen würde. Ich stellte die beiden vor – ohne jeweils zu sagen, in welchen Anliegen ich als Pflegerin tätig war. Sie war neugierig, wie er denn alles mit dieser Fernsteuerung am Kinn bedienen könne und er war eben so schüchtern, wie ein junger Mann sein kann, dem unverhofft eine junge Frau vorgestellt wird. Es war süß zu sehen, wie die beiden sich unterhielten.

Die beiden treffen sich immer noch gelegentlich auf eine Tasse Kaffee in genau jenem Straßencafé. Es ist keine Beziehung daraus gewachsen – sehr wohl aber eine Freundschaft. Er hilft ihr hin und wieder den Einkauf nach Hause zu fahren und sie zündet dafür seine Zigaretten an. Er hat sich sogar eine Kühltasche hinter seinem Sitz befestigen lassen, in der er Lebensmittel transportieren kann. Man muss sich das in etwa vorstellen, wie Satteltaschen an einem Motorrad. So eine Kühltasche am Rollstuhl ist zwar nicht besonders hübsch, aber durchaus zweckmäßig.

Das Lustige: inzwischen ist der verbitterte junge Mann mit dem ausgedehnten Vokabular an Schimpfwörtern zahm wie ein kleines Lamm. Zu seinem Geburtstag kam sie vorbei und schenkte ihm eine Schallzahnbürste… total modernes Ding. Er war stolz wie Bolle und erzählte zwei Monate lang jedem von seiner tollen neuen Schallzahnbürste. Der Mann, sein Rollstuhl und die Schallzahnbürste. Wir konnten Lieder davon singen.

Inzwischen können auch andere Kollegen zu ihm, ohne Gefahr zu laufen, bespuckt oder beschimpft zu werden.

Und er lächelt wieder. Das sind Momente, in denen ambulante Pflege wirklich Spaß macht.

Freud und Leid auf der Krebsstation

von Peter

Im Krankenhaus zu arbeiten ist eine Sache. Es gibt zahlreiche Stationen, auf denen man überwiegend mit freudigen Ereignissen konfrontiert wird – obwohl die Arbeit an sich fast überall gleich oder zumindest ähnlich ist. Im Laufe der Jahre habe ich schon auf den verschiedensten Stationen gearbeitet und ich muss sagen, dass die größte Freude, aber auch das größte Leid, auf Kinderstationen zu erleben ist. Eine Krebsstation für Kinder sollte man sich tatsächlich nur dann antun, wenn man mit ausreichend Distanz gewappnet ist. Mir gelingt das nicht. Trotz aller Professionalität und Berufserfahrung schaffe ich es bei Kindern und tragischen Ereignissen nicht, meinen Beruf auszuüben. Selbstverständlich erledigt man alle Aufgaben fachgerecht und so, wie man es gelernt hat. Doch nimmt man dabei zu viel mit nach Hause. Aus diesem Grunde habe ich es immer vermieden, direkt auf einer Kinder-Krebsstation zu arbeiten.

In unserer Klinik haben wir so eine Station und ich bewundere die Kollegen und Kolleginnen dort wirklich aufrichtig. In Eigeninitiative der Belegschaft haben dort lokale Künstler viele Bilder an die Wände gemalt. Ich fand das sehr interessant. Die Künstler haben sämtliche räumliche Elemente in ihre Arbeiten integriert. Das ist selten. Oft sieht man in Kinderarztpraxen oder auf Stationen bunte Bilder an den Wänden, doch selten passen sie sich so ein, wie bei uns. Die Uhr auf dem Flur hängt immer noch dort, wo sie immer hing. Doch ist diese gewöhnliche Wanduhr nun zu der Taschenuhr geworden, die der Hase aus „Alice im Wunderland“ in der Hand hält. Die Stühle im Wartebereich stehen auch noch auf demselben Platz. Nun wartet man dort allerdings nicht auf den Aufruf vom Arzt, sondern auch auf den Zug nach Hogwarts. Ich finde es ehrlich beeindruckend, was diese jungen Leute da geschaffen haben.

Initiatorin dieser ganzen Aktion war eine Krankenschwesterschülerin, die mir nie sonderlich aufgefallen war. Ich habe sie zwar ein paar mal in der Kantine gesehen, aber nie weiter beachtet. Später erfuhr ich dann, dass das Mädchen angeblich Bauchreden könne. Das musste ich mir natürlich ansehen. Bauchreden ist ein Talent, welches ich nie wirklich verstanden, aber stets sehr bewundert habe. Nach einigem Zureden hat sie dann auch ihr Talent vorgeführt. Beeindruckend! Das fanden auch ihre Kollegen von der Kinder-Krebsstation, wo sie im Rahmen ihrer Ausbildung eingesetzt war. Man fragte sie, ob sie da nicht etwas mit den Kindern machen könne. Ich habe ihr dann eine Bauchrednerpuppe von hier besorgt, um ihr ein wenig Mut zu machen.

Der Plan ging auf. Die Schwesterschülerin wurde mit der Bauchrednerpuppe zur kleinen Attraktion bei den Kindern. Die Puppe war übrigens ein kleiner Rabe, der sehr an Rudi aus Siebenstein erinnerte. Auch ihr Stimme beim Bauchreden passte hervorragend. Ich habe mir einige ihrer Aufführungen angesehen und wirklich Tränen gelacht. Ebenso wie die Kinder.

Auch hier passt es also zu meinen Beobachtungen, dass „kleine Freuden“ ganz massiv zum Wohlbefinden der Patienten beitragen können. Und wo könnte das besser passen, als auf einer Station mit Kindern?

Die Schwesternschülerin ist inzwischen wieder im Blockunterricht und wird den nächsten stationären Einsatz auf einer anderen Station verrichten. Obwohl das Mädchen nun auch nicht zu denen gehört, die die Arbeit erfunden haben oder mit einem bemerkenswerten Talent für den Beruf der Krankenschwester gesegnet ist, hat sie von den Kollegen der Kinderkrebsstation die beste Bewertung für ihren Einsatz bekommen, den man sich nur vorstellen kann. Ich hoffe wirklich, dass sie nicht nur ihr Examen besteht, sondern sich anschließend auch dafür entscheidet, auf die Kinderkrebsstation zurück … gemeinsam mit ihrer Bauchrednerpuppe „Rudi der Rabe“.

Obwohl ich sehr wenig von „alternativen Heilmethoden“ oder gar Homöopathie halte, glaube ich, dass solche Dinge wie „bunte Bilder“ oder Bauchreden wirklich zur Genesung beitragen können. Es ist ungeheuer bedauerlich, dass die Krankenhausverwaltungen und Betreiber sich so schwer damit tun. Man wird keine examinierte Krankenschwester einstellen, weil sie Bauchreden kann. Es wäre aber schön, wenn man so ein Talent bei der Einstellung und auch dem Einsatz berücksichtigt. Ein anderes Thema wäre es dann wiederum so einer Schwester zu ermöglichen im Rahmen ihrer Dienstzeit solche speziellen Dinge mit den jungen Patienten zu machen. Es nutzt nichts, wenn jemand so etwas kann – es letztlich zeitlich aber gar nicht unterbringen kann, weil die Station so hoffnungslos unterbesetzt ist und alle Kolleginnen mit dem Betrieb der Station alle drei Hände voll zu tun haben.

Eben genau dieses Problem erleben wir derzeit auf fast allen Stationen. Die Patienten sind so kurz auf Station, dass man kaum Zeit hat, sich die Namen einzuprägen und die Stationen sind dermaßen unterbesetzt, dass es unmöglich ist, sich Zeit für die „kleinen Probleme“ der Kranken anzunehmen. Mir sind Stationen bekannt, auf denen sich eine Nachtwache auf zwei Stationen aufteilen muss. Sollten zwei Patienten gleichzeitig klingeln, kann die Kollegin eine Münze werfen, um zu entscheiden, wohin sie geht. Das ist ein unmöglicher Zustand. Für die Pflegekraft ebenso wie für die Patienten.

Ich will nicht meckern. Die Situation auf den Stationen und in den Krankenhäusern ist hinlänglich bekannt und es wäre schon längst etwas passiert, wenn man an dem Problem etwas hätte andern oder verbessern wollen. Wir Pflegekräfte arbeiten so weiter wie bisher, schieben unsere unbezahlten Überstunden vor uns her und werfen eine Münze, welchen Patienten es zu versorgen gilt. Irgendwann einmal werden auch die Personen auf medizinische Versorgung angewiesen sein, die uns nun im Regen stehen lassen. Ich bin gespannt, wie dann die Münze fällt.

Ich muss noch immer schmunzeln, wenn ich an diese Bauchrednerin denke. Ich drücke beide Daumen, dass sie das Examen schafft.

Zuhause krank sein ist nicht weniger krank sein.

von Julia

Patienten gibt es mittlerweile nicht nur in Krankenhäusern, sondern mehr und mehr auch in eigenen Wohnungen. Dies liegt weitestgehend daran, dass die Krankenhäuser versuchen ihre Betten so „wirtschaftlich“ wie möglich zu belegen. Das geht nicht, wenn die Patienten für teilweise längerfristige Genesungszeiten in den Krankenhäusern herumliegen. In solchen Fällen werden die Kranken dann nach Hause entlassen und dort von einem Pflegedienst übernommen oder auch von der Familie gepflegt. Ein Pflegedienst ist immer dann nötig, wenn es bei dem Patienten eine medizinische Indikation gibt, die eine professionelle Pflege nötig macht. Verbandwechsel, Vergabe bestimmter Medikamente, legen von Blasenkathetern – kurz: Dinge, die von Familienangehörigen nicht erledigt werden können.

Aus meiner Berufserfahrung sind die Fälle jedoch oft schwieriger. In ganz vielen Fällen gibt es keine Angehörigen, sie leben in fernen Städten oder aber die Familien sind zerstritten. In solchen Fällen übernimmt die häusliche Krankenpflege eine ganz besondere Rolle.

Häusliche Krankenpflege ist nicht nur dann nötig, wenn Patienten aus dem Krankenhaus entlassen werden und zuhause genesen sollen, sondern auch dann, wenn Menschen sich ganz oder teilweise nicht mehr selbst versorgen können. Dies können alte Menschen sein oder auch junge Leute, die eine Behinderung haben.

Der „Pflegebedarf“ wird von den Pflegekassen und dem MDK (Medizinischer Dienst der Krankenkassen) festgelegt und in sogenannte Pflegestufen eingeteilt. Je nach Pflegestufe setzt der Pflegedienst dann Zeiten fest, die von uns Mitarbeitern eingehalten werden müssen. Besonders schwierig wird dies, bei Patienten der Pflegestufe 3, bei denen ein großer Pflegebedarf besteht und die teilweise auch noch Sonderleistungen in Anspruch nehmen, wie Haushaltshilfe. Dazu gehören Aufgaben wie Wäsche machen, Mahlzeiten zubereiten und dem Patienten reichen oder auch das Reinigen eines gemeinsamen Treppenhauses. In solchen Fällen ist es fast unmöglich, die vorgegebenen knappen Zeitfenster einzuhalten. Warum die Zeit so knapp bemessen ist? Nun; diese Zeiten werden vom MDK vorgegeben und dienen der Abrechnung mit den Pflegekassen. Da die Krankenkassen selbst hinter dem MDK stecken, liegt es auf der Hand, dass möglichst kostensparend gearbeitet werden muss.

Ein weiterer Punkt, an den ich mich bei dem Wechsel von der Arbeit in der Klinik zum ambulanten Pflegedienst umstellen musste, war die Tatsache, dass man dem Patienten in seinem privaten Umfeld begegnet. Es ist also nicht so, dass er in einem netten Zimmer in einem Krankenhausbett liegt, welches schon von der Frühschicht neu bezogen wurde. Nein. Man kommt als Pflegerin in die Wohnung des Kranken – dringt somit in seine Privatsphäre ein und sollte das auch respektieren. Im Krankenhaus gibt es Regeln und Vorschriften, die ein Patient zu Hause nicht beachten muss. Und das wird bei einigen Patienten sehr deutlich.

Abgesehen von vielen pflegetechnischen Aufgaben, wie Verbandwechsel, Medikamentengabe, Wäsche, Ankleiden und Dokumentation, gibt es Arbeiten, mit denen ich etwas schwertue. Einer meiner Patienten hatte sich einen Entsafter gekauft, was eigentlich kein Problem ist. Leider saß dieser Patient im Rollstuhl, war halbseitig gelähmt und konnte somit den Entsafter weder auspacken, noch in Betrieb nehmen. Ich habe mir dann die Zeit genommen, das Gerät auszupacken und gemeinsam mit meinem Patienten den leckersten Apfelsaft zu machen, den Deutschland je getrunken hat. Die Freude bei dem Patienten war riesengroß – die Freude meiner Pflegedienstleitung hielt sich arg in Grenzen. Natürlich wurde mir diese Zeit nicht bezahlt. Einkalkulieren muss man solche speziellen Fälle aber immer. Ich halte wirklich überhaupt nicht viel von Kolleg/innen, die ihrer Arbeit nachgehen und den Gummihandschuh fallen lassen, sobald die vorgegebenen Minuten um sind. Und ganz besonders nicht, bei alten Patienten – oder solchen, die sich überhaupt nicht allein versorgen oder beschäftigen können.

Natürlich bemüht man sich, die Zeiten weitestgehend einzuhalten. Würde man es nicht tun, verbrächte man auch seinen kompletten Feierabend bei den Patienten. Hierzu ist es hin und wieder aber auch nötig, ein wenig spitzfindige Eigeninitiative an den Tag zu legen. Ich habe eine Patientin, bei der ich auch kleine Arbeiten im Haus übernehmen muss, weil die Patientin sich nur noch mit einem Rollator fortbewegen kann. Staubsaugen gehört dabei auch zu meinen Aufgaben. Das wäre an sich kein großes Problem, wenn man einen Staubsauger hat, der auch funktioniert. Das Modell der älteren Dame stammte vermutlich aus dem gleichen Jahrhundert wie sie selbst und saugte entsprechend gar nicht. Einen neuen Staubsauger wollte, bzw. konnte, sie sich bei ihrer knappen Rente nicht leisten. Ich habe mich dann regelmäßig bei meinem Chef beschwert und nach einigem Hin und Her wurde ein entsprechender Antrag bei der Pflegekasse eingereicht. Mit Erfolg. Nach weniger als drei Tagen kam dann die Überraschung: ein niegel-nagel-neuer Staubsauger. Und nicht nur das. Nein. Ein Industriestaubsauger.

Dass ein Industriestaubsauger nicht die geschickteste Wahl ist, wenn es darum geht, die Wohnung einer älteren Dame zu saugen, habe ich meinem Chef nie verraten. Allerdings kann ich mich auch nicht über die Saugleistung des Gerätes beklagen. Die Arbeit geht mir nun also sehr viel schneller von der Hand.

Es gibt Kolleg/innen, die solche eingesparten Zeiten akribisch genau melden. Das habe ich nie getan. Wenn man zu viele Zeiten verkürzt, wird die Pflegedienstleitung irgendwann davon ausgehen, dass es völlig selbstverständlich sei, alles in kürzerer Zeit zu schaffen und die Pflegepläne entsprechend korrigieren. Am Ende wird man dann die doppelte Arbeit in der halben Zeit erledigen müssen. Das ist zwar traurig, jedoch bittere Realität. Also schreibe ich mir diese eingesparten Zeiten selbst gut und verteile sie auf meine Runde. Bei einigen Patienten geht die Arbeit schneller – bei anderen dauert es etwas länger. Der Pflegedienstleitung und ganz besonders dem MDK ist das egal.

Ihr merkt, dass ich den MDK wirklich nicht gernhabe, nicht wahr? Ich bin grundsätzlich ein sehr geduldiger Mensch. Ich mag es allerdings nicht, wenn reihenweise Entscheidungen getroffen werden, die Zulasten von Menschen gehen, die ohnehin nur noch sehr wenig Lebensfreude haben.

In solchen Fällen freut man sich dann auch für einen Industriestaubsauger für eine zwei-Zimmer-Etagenwohnung.

Die Kombination von Mensch und Technik ist toll.

von Jan

Ich bin Medizinisch-Technischer-Radiologieassistent geworden, weil ich zu gut in Physik aber zu schlecht für das Abitur gewesen bin. Gleichzeitig fasziniert mich die Kombination von Technik, Medizin und Mensch.

Was macht ein Radiologieassistent? Wir sind die Leute, die in Krankenhäusern und Arztpraxen die Röntgengeräte bedienen und die Röntgenbilder entwickeln. Die Radiologie spielt bei der Diagnostik eine sehr wichtige Rolle. Nicht nur bei unserem Klassiker, dem Knochenbruch, sondern auch bei allen anderen Erkrankungen, die sich durch Veränderungen im Körper erkennen lassen. Bei der Krebsvorsorge spielt die Radiologie ebenfalls eine große Rolle, da sich Gewebewucherungen schnell mit den verschiedenen Verfahren der Radiologie diagnostizieren und lokalisieren lassen.

Im Rahmen solcher Diagnosen erlebt man natürlich viele schöne Momente – aber natürlich auch schwierige Situationen. Bestätigte Diagnosen sind letztlich Ereignisse, die den kompletten Lebenslauf eines Menschen beeinflussen können. Ganz besonders dramatisch werden solche Erlebnisse bei Krebspatienten. Die Mammographie gehört dabei zu den Stationen, die ich persönlich nur sehr ungern besetze.

Ganz einfach erklärt: Bei der Mammographie wird die weibliche Brust zwischen zwei Fixierungs-Elemente gedrückt und dann im Summationsverfahren geröntgt. Mittlerweile geschieht dies fast ausschließlich auf digitalen Bildmedien. In den meisten Fällen reicht für diese Untersuchung das sogenannte Summationsverfahren, bei dem eine 2D-Mammographie erstellt wird, welche Verknotungen in der Brust deutlich sichtbar macht. Inzwischen gibt es auch 3D-Verfahren, die ausschließen, dass durch eine Überlagerung von Gewebestrukturen versehentlich krankhafte Veränderungen im Gewebe verdeckt werden.

Ich habe es tatsächlich nur zweimal erlebt, dass Brustkrebs diagnostiziert werden konnte. Trotzdem ist so eine Diagnose für die Frau im ersten Moment verheerend und für uns Mitarbeiter herzzerreißend. Zwar wird ein Arzt diese Nachricht überbringen, doch auch als MTAR bekommt man all das mit. Das sind so die Momente, an denen man sich an jeden anderen Platz der Welt wünschen möchte – obwohl ich mich freue, dazu beitragen zu können, solche Krankheiten bereits im Frühstadium erkennen zu können.

Wer sich insbesondere für die Mammographie interessiert, sollte wissen, dass dieses Verfahren normalerweise bei Frauen unter 40 Jahren nicht nötig ist. Empfohlen wird eine Untersuchung im Abstand von jeweils zwei Jahren ab dem Alter von 49 Jahren. Der Haus- oder Frauenarzt wird dazu aber mehr sagen können.

Neben solchen Dramen erlebt man natürlich auch viele lustige Momente mit den Patienten. Ganz zu Beginn meiner Beschäftigung war ich monatelang im Thorax. Das sind Aufnahmen des Brustkorbs, bei dem die Lungen und das Herz geröntgt werden. Man bittet den Patienten aus dem Wartebereich in eine Kabine, wo er seinen Oberkörper freimacht und röntgt ihn anschließend. Ich erinnere mich an einen Tag, an dem besonders viel los war. Egal, wie schnell man arbeitete, immer mehr und mehr Patienten erschienen im Wartebereich. Aufgeteilt in drei Kabinen arbeitete ich Patient nach Patient ab. Bis ich plötzlich ein sehr zaghaftes Klopfen aus der ersten Kabine hörte. In ihr saß ein älterer Herr, den ich schlicht vergessen hatte, da ich seit geraumer Zeit Kabine 2 und 3 im Wechsel drangenommen habe. Ich entschuldigte mich aufrichtig und er nahm es mit Humor. Wie lange er dort letztlich gesessen hat, kann ich nicht sagen.

Ein anderer Moment, an den ich mich wirklich lange erinnern werde ist der, als eine sehr attraktive Frau mittleren Alters mich fragte, warum ich sie so versonnen ansehen würde. Ich war etwas in Gedanken und antwortete, dass ich ihr Schlüsselbein wirklich ausgesprochen schön fand. Sie bedankte sich lachend für ein Kompliment, dass sie tatsächlich noch nie gehört hatte. Meine Kollegen haben sich auch königlich amüsiert. Im Kreise meiner Kollegen würde meine Begeisterung für das Schlüsselbein einer Frau allerdings etwas gruseliger interpretiert.

Wie bei den Kollegen auf Station kann ich allerdings auch bestätigen, dass in der Radiologie die meisten Fehler passieren, weil das Arbeitspensum zu hoch ist. Gerade wenn viele stationäre Patienten zum Röntgen geschickt werden und dann noch ein NAW mit einem Polytrauma einfährt, wird es knapp. Das wirkt sich dann auf die Wartezeit der Patienten aus und da ist der Humor nicht immer so locker wie bei dem vergessenen Opi in der Umkleidekabine.

Privat beschäftige ich mich übrigens auch mit „bildgebenden Verfahren“. Ich bin kein guter Fotograf… beschäftige mich aber gern damit. Meine neue Errungenschaft ist eine Drohne mit Kamera, für die ich sogar einen Kurs besucht habe. Es macht ungeheuer Spaß und man bekommt gleichzeitig Bilder und Filme aus wirklich beeindruckenden Perspektiven. Wer hätte vor einigen Jahren gedacht, dass man Drohnen zu solchen privaten Zwecken nutzen könnte. Technik entwickelt sich rasend schnell. Ich finde das spannend. Drohne mit Kamera und Spiegelreflex in der Freizeit und Röntgengeräte im Beruf. Ich mache also wirklich Fotos, die unter die Haut gehen.

Am kommenden Wochenende werde ich mit meiner Drohne zum Strand fahren. Vorausgesetzt das Wetter bleibt stabil. Bei Wind oder Regen bin ich nicht der Typ für Draußen. Der Sommer ist vorbei. Trotzdem gönne ich mir gern einen Spaziergang am Meer. Gut. Zugegeben: es geht mir tatsächlich nur um die Bilder mit der Drohne. Aber ich glaube, dass kann man mir auch nicht zum Vorwurf machen.

Am Montag stehe ich dann wieder pünktlich an den großen Fotoapparaten.

Ein Tag im Krankenhaus

von Peter

Im Laufe der letzten Jahre hat das Krankenhaus den Horror etwas verloren. Ich erinnere mich daran, dass meine Großmutter in einem Krankenhaus arbeitete. Es war noch die Generation von Krankenschwestern, die mit grauen Kitteln, weißen Schürzen und gestärkten Hauben ihren Dienst verrichteten. Ich kann mir in Erinnerung rufen, sie mit meinem Großvater vom Dienst abgeholt zu haben. Das Krankenhaus erschien mir groß, dunkel und bedrohlich. In den spärlich beleuchteten Fluren roch es penetrant nach Reinigungsmitteln, Formalin und Krankheit. Ich war froh, mit meinem Leben davon gekommen zu sein.

Heute sind die Krankenhäuser offener, heller, bunter und freundlicher. Und wenn man dort arbeitet auch nicht mehr so bedrohlich. Trotzdem bin ich dankbar für diese Erinnerung, denn so kann man leichter in Kinder hineinversetzen, die Krankenhäuser Heute ebenso bedrohlich empfinden, als ich in meinen Kindertagen. Für Patienten gilt das manchmal auch.

Meine Großmutter starb im Alter von 55 Jahren an den Folgen eines Verkehrsunfalles, nachdem sie selbst ihr ganzes Leben als Krankenschwester gearbeitet hat. Während ihrer wachen Minuten auf der Intensivstation wusste sie also nicht nur, wo sie war, sondern auch, was ihr blühte. Ich persönlich stelle mir das schrecklich vor. Der Aufenthalt in einem Krankenhaus kann also Stress verursachen – wenn man zu wenig darüber weiß ebenso wie wenn man mit allen Abläufen vertraut ist.

Neben Diagnose und Therapie sind wir auf der Station darum bemüht, die Patienten für die Dauer ihres Aufenthaltes so gut wie möglich zu betreuen. Jeder Pflegedienstschüler wird ein Lied von dem Thema „Hygiene“ singen können. Um Infektionen zu vermeiden, wird in Krankenhäusern ein sehr großes Gewicht auf Hygiene gelegt. Dies betrifft nicht nur die Hygiene einer medizinischen Indikation, sondern auch Körperhygiene und Körperpflege bei Patienten, die einen längeren Krankenhausaufenthalt vor sich haben.

Es mag sehr banal klingen: Wir hatten vor einigen Jahren eine ältere Dame für eine längere Zeit auf Station, die zwar täglich gewaschen und zurechtgemacht wurde, jedoch stets einen etwas bedrückten Eindruck machte. Ich konnte dann beobachten, dass sie eine Kollegin bat, ihr einen Lippenstift mitzubringen, da sie sich so ganz ohne Kosmetik so hässlich vorkam. Nachdem sie dann also, nach der täglichen Wäsche, ein wenig Lippenstift auftragen durfte, verbesserte sich der Allgemeinzustand der Dame frappierend. Auch dieses Erlebnis hat sich in mein Gedächtnis gebrannt.

Ich selbst konnte dann auf diese Erinnerung zurückgreifen, als wir einen Patienten hatten, der bei sämtlichen Schwestern und Pflegern als „Meckerpott“ bekannt war. Der ältere Mann bekam kaum Besuch, hatte an allem etwas auszusetzen und gehörte auch sicher nicht zu meinen Lieblingspatienten. Irgendwann fiel mir dann jedoch sein Schnurrbart auf, der etwas zottelig aussah und ihm, man möge mir verzeihen, das Aussehen eines verärgerten Seehundes verlieh. Kurzerhand recherchierte ich im Internet nach geeigneten Produkten (danke hier an 3tage-bart-rasierer.de für die vielen tollen Infos), besorgte ich Barttrimmer und Bartöl nach dem Dienst und brachte es am nächsten Tag mit auf Station.

Es dauerte nicht lange, bis er klingelte, um sich über das Fernsehprogramm zu beschweren. Ausgerüstet mit meinem Barttrimmer und dem Bartöl ging ich dann in sein Zimmer, stelle ihm den gewünschten Kanal ein und hielt ihm den Barttrimmer und das Bartöl vor die Nase. Die Augen wurden groß und er fragte was das soll. Ich erklärte ihm, dass mir aufgefallen sei, dass sein Bart für gewöhnlich sicher nicht in so einem jämmerlichen Zustand sei, sondern eher einen gepflegten Eindruck machte. Nachdem wir gemeinsam seinen Bart in Form gebracht und dazu auch noch das Pflegeprodukt angewendet haben, war der Mann wie verwandelt. Zwar knurrte und murrte er hin und wieder noch über dies und das – doch war das sehr erträglich im Vergleich zu dem ungenießbaren Gesellen, für den ihn sonst jeder kannte.

Diese beiden Beispiele zeigen, wie abhängig das Befinden von Patienten von wirklich kleinen und nebensächlich erscheinenden Dingen sein kann. Dinge oder Gewohnheiten, die sie im Alltag leben, auf das sie im Krankenhaus jedoch vermeintlich verzichten müssen. Dabei kann es sich um einen Lippenstift handeln, einen Barttrimmer oder aber auch eine Partie Schach.

Sicherlich ist es nicht möglich, jeden Wunsch zu erfüllen. Zunächst einmal bleiben viele dieser Wünsche unausgesprochen und man muss die Patienten beobachten und ein noch wichtigerer Faktor ist die Zeit, die sehr oft im Krankenhausalltag fehlt.

Der Zeitfaktor ist gerade bei jüngeren Kollegen ausschlaggebend.

Nicht nur, um zusätzliche Zeit mit einem Patienten zu verbringen, sondern auch, um sich die Zeit nehmen zu können, sich soweit mit den Menschen beschäftigen zu können, dass man solche kleinen Details bemerkt. Das ist nicht immer ganz einfach. Für den Patienten lohnt dieser Einsatz natürlich sehr – ganz besonders dann, wenn es sich um ältere Menschen handelt, die unter Umständen nur selten Besuch bekommen, oder aber auch jüngere Menschen, die im Krankenhaus komplett aus ihrem sozialen Umfeld gerissen sind. In solchen Fällen hilft dann tatsächlich ein Fläschchen Bartöl, ein nettes Gespräch oder sogar eine Runde „Angry Birds“.

Man hat so unendlich viele Möglichkeiten – wenn die Zeit reicht.