Zuhause krank sein ist nicht weniger krank sein.

von Julia

Patienten gibt es mittlerweile nicht nur in Krankenhäusern, sondern mehr und mehr auch in eigenen Wohnungen. Dies liegt weitestgehend daran, dass die Krankenhäuser versuchen ihre Betten so „wirtschaftlich“ wie möglich zu belegen. Das geht nicht, wenn die Patienten für teilweise längerfristige Genesungszeiten in den Krankenhäusern herumliegen. In solchen Fällen werden die Kranken dann nach Hause entlassen und dort von einem Pflegedienst übernommen oder auch von der Familie gepflegt. Ein Pflegedienst ist immer dann nötig, wenn es bei dem Patienten eine medizinische Indikation gibt, die eine professionelle Pflege nötig macht. Verbandwechsel, Vergabe bestimmter Medikamente, legen von Blasenkathetern – kurz: Dinge, die von Familienangehörigen nicht erledigt werden können.

Aus meiner Berufserfahrung sind die Fälle jedoch oft schwieriger. In ganz vielen Fällen gibt es keine Angehörigen, sie leben in fernen Städten oder aber die Familien sind zerstritten. In solchen Fällen übernimmt die häusliche Krankenpflege eine ganz besondere Rolle.

Häusliche Krankenpflege ist nicht nur dann nötig, wenn Patienten aus dem Krankenhaus entlassen werden und zuhause genesen sollen, sondern auch dann, wenn Menschen sich ganz oder teilweise nicht mehr selbst versorgen können. Dies können alte Menschen sein oder auch junge Leute, die eine Behinderung haben.

Der „Pflegebedarf“ wird von den Pflegekassen und dem MDK (Medizinischer Dienst der Krankenkassen) festgelegt und in sogenannte Pflegestufen eingeteilt. Je nach Pflegestufe setzt der Pflegedienst dann Zeiten fest, die von uns Mitarbeitern eingehalten werden müssen. Besonders schwierig wird dies, bei Patienten der Pflegestufe 3, bei denen ein großer Pflegebedarf besteht und die teilweise auch noch Sonderleistungen in Anspruch nehmen, wie Haushaltshilfe. Dazu gehören Aufgaben wie Wäsche machen, Mahlzeiten zubereiten und dem Patienten reichen oder auch das Reinigen eines gemeinsamen Treppenhauses. In solchen Fällen ist es fast unmöglich, die vorgegebenen knappen Zeitfenster einzuhalten. Warum die Zeit so knapp bemessen ist? Nun; diese Zeiten werden vom MDK vorgegeben und dienen der Abrechnung mit den Pflegekassen. Da die Krankenkassen selbst hinter dem MDK stecken, liegt es auf der Hand, dass möglichst kostensparend gearbeitet werden muss.

Ein weiterer Punkt, an den ich mich bei dem Wechsel von der Arbeit in der Klinik zum ambulanten Pflegedienst umstellen musste, war die Tatsache, dass man dem Patienten in seinem privaten Umfeld begegnet. Es ist also nicht so, dass er in einem netten Zimmer in einem Krankenhausbett liegt, welches schon von der Frühschicht neu bezogen wurde. Nein. Man kommt als Pflegerin in die Wohnung des Kranken – dringt somit in seine Privatsphäre ein und sollte das auch respektieren. Im Krankenhaus gibt es Regeln und Vorschriften, die ein Patient zu Hause nicht beachten muss. Und das wird bei einigen Patienten sehr deutlich.

Abgesehen von vielen pflegetechnischen Aufgaben, wie Verbandwechsel, Medikamentengabe, Wäsche, Ankleiden und Dokumentation, gibt es Arbeiten, mit denen ich etwas schwertue. Einer meiner Patienten hatte sich einen Entsafter gekauft, was eigentlich kein Problem ist. Leider saß dieser Patient im Rollstuhl, war halbseitig gelähmt und konnte somit den Entsafter weder auspacken, noch in Betrieb nehmen. Ich habe mir dann die Zeit genommen, das Gerät auszupacken und gemeinsam mit meinem Patienten den leckersten Apfelsaft zu machen, den Deutschland je getrunken hat. Die Freude bei dem Patienten war riesengroß – die Freude meiner Pflegedienstleitung hielt sich arg in Grenzen. Natürlich wurde mir diese Zeit nicht bezahlt. Einkalkulieren muss man solche speziellen Fälle aber immer. Ich halte wirklich überhaupt nicht viel von Kolleg/innen, die ihrer Arbeit nachgehen und den Gummihandschuh fallen lassen, sobald die vorgegebenen Minuten um sind. Und ganz besonders nicht, bei alten Patienten – oder solchen, die sich überhaupt nicht allein versorgen oder beschäftigen können.

Natürlich bemüht man sich, die Zeiten weitestgehend einzuhalten. Würde man es nicht tun, verbrächte man auch seinen kompletten Feierabend bei den Patienten. Hierzu ist es hin und wieder aber auch nötig, ein wenig spitzfindige Eigeninitiative an den Tag zu legen. Ich habe eine Patientin, bei der ich auch kleine Arbeiten im Haus übernehmen muss, weil die Patientin sich nur noch mit einem Rollator fortbewegen kann. Staubsaugen gehört dabei auch zu meinen Aufgaben. Das wäre an sich kein großes Problem, wenn man einen Staubsauger hat, der auch funktioniert. Das Modell der älteren Dame stammte vermutlich aus dem gleichen Jahrhundert wie sie selbst und saugte entsprechend gar nicht. Einen neuen Staubsauger wollte, bzw. konnte, sie sich bei ihrer knappen Rente nicht leisten. Ich habe mich dann regelmäßig bei meinem Chef beschwert und nach einigem Hin und Her wurde ein entsprechender Antrag bei der Pflegekasse eingereicht. Mit Erfolg. Nach weniger als drei Tagen kam dann die Überraschung: ein niegel-nagel-neuer Staubsauger. Und nicht nur das. Nein. Ein Industriestaubsauger.

Dass ein Industriestaubsauger nicht die geschickteste Wahl ist, wenn es darum geht, die Wohnung einer älteren Dame zu saugen, habe ich meinem Chef nie verraten. Allerdings kann ich mich auch nicht über die Saugleistung des Gerätes beklagen. Die Arbeit geht mir nun also sehr viel schneller von der Hand.

Es gibt Kolleg/innen, die solche eingesparten Zeiten akribisch genau melden. Das habe ich nie getan. Wenn man zu viele Zeiten verkürzt, wird die Pflegedienstleitung irgendwann davon ausgehen, dass es völlig selbstverständlich sei, alles in kürzerer Zeit zu schaffen und die Pflegepläne entsprechend korrigieren. Am Ende wird man dann die doppelte Arbeit in der halben Zeit erledigen müssen. Das ist zwar traurig, jedoch bittere Realität. Also schreibe ich mir diese eingesparten Zeiten selbst gut und verteile sie auf meine Runde. Bei einigen Patienten geht die Arbeit schneller – bei anderen dauert es etwas länger. Der Pflegedienstleitung und ganz besonders dem MDK ist das egal.

Ihr merkt, dass ich den MDK wirklich nicht gernhabe, nicht wahr? Ich bin grundsätzlich ein sehr geduldiger Mensch. Ich mag es allerdings nicht, wenn reihenweise Entscheidungen getroffen werden, die Zulasten von Menschen gehen, die ohnehin nur noch sehr wenig Lebensfreude haben.

In solchen Fällen freut man sich dann auch für einen Industriestaubsauger für eine zwei-Zimmer-Etagenwohnung.

Die Kombination von Mensch und Technik ist toll.

von Jan

Ich bin Medizinisch-Technischer-Radiologieassistent geworden, weil ich zu gut in Physik aber zu schlecht für das Abitur gewesen bin. Gleichzeitig fasziniert mich die Kombination von Technik, Medizin und Mensch.

Was macht ein Radiologieassistent? Wir sind die Leute, die in Krankenhäusern und Arztpraxen die Röntgengeräte bedienen und die Röntgenbilder entwickeln. Die Radiologie spielt bei der Diagnostik eine sehr wichtige Rolle. Nicht nur bei unserem Klassiker, dem Knochenbruch, sondern auch bei allen anderen Erkrankungen, die sich durch Veränderungen im Körper erkennen lassen. Bei der Krebsvorsorge spielt die Radiologie ebenfalls eine große Rolle, da sich Gewebewucherungen schnell mit den verschiedenen Verfahren der Radiologie diagnostizieren und lokalisieren lassen.

Im Rahmen solcher Diagnosen erlebt man natürlich viele schöne Momente – aber natürlich auch schwierige Situationen. Bestätigte Diagnosen sind letztlich Ereignisse, die den kompletten Lebenslauf eines Menschen beeinflussen können. Ganz besonders dramatisch werden solche Erlebnisse bei Krebspatienten. Die Mammographie gehört dabei zu den Stationen, die ich persönlich nur sehr ungern besetze.

Ganz einfach erklärt: Bei der Mammographie wird die weibliche Brust zwischen zwei Fixierungs-Elemente gedrückt und dann im Summationsverfahren geröntgt. Mittlerweile geschieht dies fast ausschließlich auf digitalen Bildmedien. In den meisten Fällen reicht für diese Untersuchung das sogenannte Summationsverfahren, bei dem eine 2D-Mammographie erstellt wird, welche Verknotungen in der Brust deutlich sichtbar macht. Inzwischen gibt es auch 3D-Verfahren, die ausschließen, dass durch eine Überlagerung von Gewebestrukturen versehentlich krankhafte Veränderungen im Gewebe verdeckt werden.

Ich habe es tatsächlich nur zweimal erlebt, dass Brustkrebs diagnostiziert werden konnte. Trotzdem ist so eine Diagnose für die Frau im ersten Moment verheerend und für uns Mitarbeiter herzzerreißend. Zwar wird ein Arzt diese Nachricht überbringen, doch auch als MTAR bekommt man all das mit. Das sind so die Momente, an denen man sich an jeden anderen Platz der Welt wünschen möchte – obwohl ich mich freue, dazu beitragen zu können, solche Krankheiten bereits im Frühstadium erkennen zu können.

Wer sich insbesondere für die Mammographie interessiert, sollte wissen, dass dieses Verfahren normalerweise bei Frauen unter 40 Jahren nicht nötig ist. Empfohlen wird eine Untersuchung im Abstand von jeweils zwei Jahren ab dem Alter von 49 Jahren. Der Haus- oder Frauenarzt wird dazu aber mehr sagen können.

Neben solchen Dramen erlebt man natürlich auch viele lustige Momente mit den Patienten. Ganz zu Beginn meiner Beschäftigung war ich monatelang im Thorax. Das sind Aufnahmen des Brustkorbs, bei dem die Lungen und das Herz geröntgt werden. Man bittet den Patienten aus dem Wartebereich in eine Kabine, wo er seinen Oberkörper freimacht und röntgt ihn anschließend. Ich erinnere mich an einen Tag, an dem besonders viel los war. Egal, wie schnell man arbeitete, immer mehr und mehr Patienten erschienen im Wartebereich. Aufgeteilt in drei Kabinen arbeitete ich Patient nach Patient ab. Bis ich plötzlich ein sehr zaghaftes Klopfen aus der ersten Kabine hörte. In ihr saß ein älterer Herr, den ich schlicht vergessen hatte, da ich seit geraumer Zeit Kabine 2 und 3 im Wechsel drangenommen habe. Ich entschuldigte mich aufrichtig und er nahm es mit Humor. Wie lange er dort letztlich gesessen hat, kann ich nicht sagen.

Ein anderer Moment, an den ich mich wirklich lange erinnern werde ist der, als eine sehr attraktive Frau mittleren Alters mich fragte, warum ich sie so versonnen ansehen würde. Ich war etwas in Gedanken und antwortete, dass ich ihr Schlüsselbein wirklich ausgesprochen schön fand. Sie bedankte sich lachend für ein Kompliment, dass sie tatsächlich noch nie gehört hatte. Meine Kollegen haben sich auch königlich amüsiert. Im Kreise meiner Kollegen würde meine Begeisterung für das Schlüsselbein einer Frau allerdings etwas gruseliger interpretiert.

Wie bei den Kollegen auf Station kann ich allerdings auch bestätigen, dass in der Radiologie die meisten Fehler passieren, weil das Arbeitspensum zu hoch ist. Gerade wenn viele stationäre Patienten zum Röntgen geschickt werden und dann noch ein NAW mit einem Polytrauma einfährt, wird es knapp. Das wirkt sich dann auf die Wartezeit der Patienten aus und da ist der Humor nicht immer so locker wie bei dem vergessenen Opi in der Umkleidekabine.

Privat beschäftige ich mich übrigens auch mit „bildgebenden Verfahren“. Ich bin kein guter Fotograf… beschäftige mich aber gern damit. Meine neue Errungenschaft ist eine Drohne mit Kamera, für die ich sogar einen Kurs besucht habe. Es macht ungeheuer Spaß und man bekommt gleichzeitig Bilder und Filme aus wirklich beeindruckenden Perspektiven. Wer hätte vor einigen Jahren gedacht, dass man Drohnen zu solchen privaten Zwecken nutzen könnte. Technik entwickelt sich rasend schnell. Ich finde das spannend. Drohne mit Kamera und Spiegelreflex in der Freizeit und Röntgengeräte im Beruf. Ich mache also wirklich Fotos, die unter die Haut gehen.

Am kommenden Wochenende werde ich mit meiner Drohne zum Strand fahren. Vorausgesetzt das Wetter bleibt stabil. Bei Wind oder Regen bin ich nicht der Typ für Draußen. Der Sommer ist vorbei. Trotzdem gönne ich mir gern einen Spaziergang am Meer. Gut. Zugegeben: es geht mir tatsächlich nur um die Bilder mit der Drohne. Aber ich glaube, dass kann man mir auch nicht zum Vorwurf machen.

Am Montag stehe ich dann wieder pünktlich an den großen Fotoapparaten.