Freud und Leid auf der Krebsstation

von Peter

Im Krankenhaus zu arbeiten ist eine Sache. Es gibt zahlreiche Stationen, auf denen man überwiegend mit freudigen Ereignissen konfrontiert wird – obwohl die Arbeit an sich fast überall gleich oder zumindest ähnlich ist. Im Laufe der Jahre habe ich schon auf den verschiedensten Stationen gearbeitet und ich muss sagen, dass die größte Freude, aber auch das größte Leid, auf Kinderstationen zu erleben ist. Eine Krebsstation für Kinder sollte man sich tatsächlich nur dann antun, wenn man mit ausreichend Distanz gewappnet ist. Mir gelingt das nicht. Trotz aller Professionalität und Berufserfahrung schaffe ich es bei Kindern und tragischen Ereignissen nicht, meinen Beruf auszuüben. Selbstverständlich erledigt man alle Aufgaben fachgerecht und so, wie man es gelernt hat. Doch nimmt man dabei zu viel mit nach Hause. Aus diesem Grunde habe ich es immer vermieden, direkt auf einer Kinder-Krebsstation zu arbeiten.

In unserer Klinik haben wir so eine Station und ich bewundere die Kollegen und Kolleginnen dort wirklich aufrichtig. In Eigeninitiative der Belegschaft haben dort lokale Künstler viele Bilder an die Wände gemalt. Ich fand das sehr interessant. Die Künstler haben sämtliche räumliche Elemente in ihre Arbeiten integriert. Das ist selten. Oft sieht man in Kinderarztpraxen oder auf Stationen bunte Bilder an den Wänden, doch selten passen sie sich so ein, wie bei uns. Die Uhr auf dem Flur hängt immer noch dort, wo sie immer hing. Doch ist diese gewöhnliche Wanduhr nun zu der Taschenuhr geworden, die der Hase aus „Alice im Wunderland“ in der Hand hält. Die Stühle im Wartebereich stehen auch noch auf demselben Platz. Nun wartet man dort allerdings nicht auf den Aufruf vom Arzt, sondern auch auf den Zug nach Hogwarts. Ich finde es ehrlich beeindruckend, was diese jungen Leute da geschaffen haben.

Initiatorin dieser ganzen Aktion war eine Krankenschwesterschülerin, die mir nie sonderlich aufgefallen war. Ich habe sie zwar ein paar mal in der Kantine gesehen, aber nie weiter beachtet. Später erfuhr ich dann, dass das Mädchen angeblich Bauchreden könne. Das musste ich mir natürlich ansehen. Bauchreden ist ein Talent, welches ich nie wirklich verstanden, aber stets sehr bewundert habe. Nach einigem Zureden hat sie dann auch ihr Talent vorgeführt. Beeindruckend! Das fanden auch ihre Kollegen von der Kinder-Krebsstation, wo sie im Rahmen ihrer Ausbildung eingesetzt war. Man fragte sie, ob sie da nicht etwas mit den Kindern machen könne. Ich habe ihr dann eine Bauchrednerpuppe von hier besorgt, um ihr ein wenig Mut zu machen.

Der Plan ging auf. Die Schwesterschülerin wurde mit der Bauchrednerpuppe zur kleinen Attraktion bei den Kindern. Die Puppe war übrigens ein kleiner Rabe, der sehr an Rudi aus Siebenstein erinnerte. Auch ihr Stimme beim Bauchreden passte hervorragend. Ich habe mir einige ihrer Aufführungen angesehen und wirklich Tränen gelacht. Ebenso wie die Kinder.

Auch hier passt es also zu meinen Beobachtungen, dass „kleine Freuden“ ganz massiv zum Wohlbefinden der Patienten beitragen können. Und wo könnte das besser passen, als auf einer Station mit Kindern?

Die Schwesternschülerin ist inzwischen wieder im Blockunterricht und wird den nächsten stationären Einsatz auf einer anderen Station verrichten. Obwohl das Mädchen nun auch nicht zu denen gehört, die die Arbeit erfunden haben oder mit einem bemerkenswerten Talent für den Beruf der Krankenschwester gesegnet ist, hat sie von den Kollegen der Kinderkrebsstation die beste Bewertung für ihren Einsatz bekommen, den man sich nur vorstellen kann. Ich hoffe wirklich, dass sie nicht nur ihr Examen besteht, sondern sich anschließend auch dafür entscheidet, auf die Kinderkrebsstation zurück … gemeinsam mit ihrer Bauchrednerpuppe „Rudi der Rabe“.

Obwohl ich sehr wenig von „alternativen Heilmethoden“ oder gar Homöopathie halte, glaube ich, dass solche Dinge wie „bunte Bilder“ oder Bauchreden wirklich zur Genesung beitragen können. Es ist ungeheuer bedauerlich, dass die Krankenhausverwaltungen und Betreiber sich so schwer damit tun. Man wird keine examinierte Krankenschwester einstellen, weil sie Bauchreden kann. Es wäre aber schön, wenn man so ein Talent bei der Einstellung und auch dem Einsatz berücksichtigt. Ein anderes Thema wäre es dann wiederum so einer Schwester zu ermöglichen im Rahmen ihrer Dienstzeit solche speziellen Dinge mit den jungen Patienten zu machen. Es nutzt nichts, wenn jemand so etwas kann – es letztlich zeitlich aber gar nicht unterbringen kann, weil die Station so hoffnungslos unterbesetzt ist und alle Kolleginnen mit dem Betrieb der Station alle drei Hände voll zu tun haben.

Eben genau dieses Problem erleben wir derzeit auf fast allen Stationen. Die Patienten sind so kurz auf Station, dass man kaum Zeit hat, sich die Namen einzuprägen und die Stationen sind dermaßen unterbesetzt, dass es unmöglich ist, sich Zeit für die „kleinen Probleme“ der Kranken anzunehmen. Mir sind Stationen bekannt, auf denen sich eine Nachtwache auf zwei Stationen aufteilen muss. Sollten zwei Patienten gleichzeitig klingeln, kann die Kollegin eine Münze werfen, um zu entscheiden, wohin sie geht. Das ist ein unmöglicher Zustand. Für die Pflegekraft ebenso wie für die Patienten.

Ich will nicht meckern. Die Situation auf den Stationen und in den Krankenhäusern ist hinlänglich bekannt und es wäre schon längst etwas passiert, wenn man an dem Problem etwas hätte andern oder verbessern wollen. Wir Pflegekräfte arbeiten so weiter wie bisher, schieben unsere unbezahlten Überstunden vor uns her und werfen eine Münze, welchen Patienten es zu versorgen gilt. Irgendwann einmal werden auch die Personen auf medizinische Versorgung angewiesen sein, die uns nun im Regen stehen lassen. Ich bin gespannt, wie dann die Münze fällt.

Ich muss noch immer schmunzeln, wenn ich an diese Bauchrednerin denke. Ich drücke beide Daumen, dass sie das Examen schafft.