Mein Lieblingspatient und die Mutter

von Julia

Es gibt Geschichten, die so verrückt sind, dass man sie sich schlecht ausdenken kann. Besonders schön finde ich dann immer solche Geschichten, aus denen Freundschaften entstehen, die eine besondere Bindung haben.

Ich muss vorn beginnen: Seit einigen Jahren betreue ich einen jungen Mann, der vom Hals abwärts gelähmt ist. Als Jugendlicher hatte er einen Unfall, der ihm sprichwörtlich das Genick gebrochen hat. Seitdem sitzt er im Rollstuhl und kann außer dem Kopf nichts bewegen. Pflegestufe 3 mit Zusatzleistungen. Der junge Mann wird von uns aus dem Bett geholt, ins Bett gebracht, gewaschen, angezogen, gefüttert … kurz: wir erledigen alles.

Seine Tage verbringt er damit, mit seinem Rollstuhl mit Kinnsteuerung herumzufahren und Menschen, denen er auf der Straße begegnet von seinem Schicksal zu erzählen. Über diese Kinnsteuerung am Rollstuhl ist er in der Lage alle möglichen Geräte in seiner Wohnung zu bedienen oder auch um die Haustür zu öffnen und zu schließen. Er kann sich also selbständig hin und her bewegen – oder auch bei Regen nach Hause fahren und den Fernseher einschalten. Was er allein nicht kann, wäre Essen oder sich Zigaretten anzünden. Dies betont er regelmäßig unter großem Protest.

Seine Depressionen arteten eine Zeitlang so massiv aus, dass er Kollegen und Kolleginnen von mir übel beschimpfte und sogar bespuckte. Teilweise war es sogar schwer, Mitarbeiter zu finden, die ihn versorgen wollten. Zu genau der Zeit teilte man mich dort ein. Ich wurde gewarnt, machte mir aber keine weiteren Gedanken. Schließlich hatte ich in meinem beruflichen Alltag schon einige schwierige Patienten erlebt. Man hatte nicht übertrieben. Schon als ich die Wohnung betrat, wurde ich mit Beleidigungen überzogen, die jedem Seemann die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätten. Ich reagierte nicht darauf, sondern verrichtete wortlos meine Aufgaben. Nach einiger Zeit wechselte sein Schimpfen in herzzerreißendes Wehklagen, wie arm er sei, dass alle – außer ihm – ein Eis essen könnten und er sich wünsche Gott würde ihn holen oder noch besser – man hätte ihn bei seinem Unfall einfach sterben lassen.

Da platzte mir der Kragen. Ich sah ihm fest in die Augen und sagte, er solle mich mit seinem Mist nicht vollheulen, sondern ganz einfach am nächsten Tag seinen Rollstuhl in den Feuerlöschteich steuern. Dieser ist an den Ufern nicht gesichert und sicherlich tief genug um ihn und sein loses Mundwerk zu ersäufen.

Schweigen.

Er sprach etwa eine Woche kein Wort mit mir, bis er in der zweiten Woche fragte, ob ich mit ihm eine Zigarette rauchen würde. Ich willigte ein. Er gab zu, dass niemand vor mir es gewagt hätte ihm zu sagen, dass er den Mund halten und ins Wasser fahren soll. Alle hätten entweder zurückgepöbelt oder aber wären nicht wiedergekommen. Er verabscheue solche Leute. Ich erklärte meinen Standpunkt und teilte ihm mit, dass ich es mir sicherlich nicht gewünscht hätte, wenn er meinem Aufruf folge geleistet hätte – es aber auch falsch sei, Menschen, die ihm helfen wollen mit solchen Beschimpfungen zu erpressen.

Der Patient blieb für alle anderen Kollegen ebenso ungenießbar wie vorher. Nur bei mir schimpfte er nie wieder. Im Gegenteil. Er schenkte mir sogar Parfum zu meinem Geburtstag, besorgte öfter mal einen Burger zum Abendbrot, wenn ich dazu eingeteilt war ihn ins Bett zu bringen oder überredete mich dazu auf eine Zigarettenlänge länger zu bleiben.

Ein paar Monate später übernahm ich dann auch die ambulante Pflege einer alleinerziehenden Mutter, die während einer Chemotherapie Hilfe im Haushalt benötigte. Dazu gehörte nur die Erledigung von Einkäufen und Mittag für die Kinder kochen. Nur an den Tagen, an denen sie zur Chemo musste. Chemo-Patienten sind oft sehr niedergeschlagen und kraftlos, wenn sie nach der Therapie nach hause kommen. Der beste Platz ist dann tatsächlich das Sofa mit einer Wolldecke. Zwei kleine lebhafte Kinder, die nach Mittag schreien wäre solchen Patienten nicht zumutbar.

Ich habe auch diese Patientin länger betreut und hatte zum Ende ein sehr freundschaftliches Verhältnis zu der kleinen Familie. In einer Arbeitspause traf ich sie dann viel später in der Stadt. Ihr Haar begann langsam wieder zu wachsen und sie sah glücklich aus. Kurzerhand haben wir beschlossen, gemeinsam einen Kaffee in einem der Cafés zu trinken.

Kurze Zeit später hörte ich die Stimme von meinem Rollstuhlpatienten, der sich freute mich zu treffen – und mich direkt fragte, ob ich ihm eine Zigarette anmachen würde. Ich stellte die beiden vor – ohne jeweils zu sagen, in welchen Anliegen ich als Pflegerin tätig war. Sie war neugierig, wie er denn alles mit dieser Fernsteuerung am Kinn bedienen könne und er war eben so schüchtern, wie ein junger Mann sein kann, dem unverhofft eine junge Frau vorgestellt wird. Es war süß zu sehen, wie die beiden sich unterhielten.

Die beiden treffen sich immer noch gelegentlich auf eine Tasse Kaffee in genau jenem Straßencafé. Es ist keine Beziehung daraus gewachsen – sehr wohl aber eine Freundschaft. Er hilft ihr hin und wieder den Einkauf nach Hause zu fahren und sie zündet dafür seine Zigaretten an. Er hat sich sogar eine Kühltasche hinter seinem Sitz befestigen lassen, in der er Lebensmittel transportieren kann. Man muss sich das in etwa vorstellen, wie Satteltaschen an einem Motorrad. So eine Kühltasche am Rollstuhl ist zwar nicht besonders hübsch, aber durchaus zweckmäßig.

Das Lustige: inzwischen ist der verbitterte junge Mann mit dem ausgedehnten Vokabular an Schimpfwörtern zahm wie ein kleines Lamm. Zu seinem Geburtstag kam sie vorbei und schenkte ihm eine Schallzahnbürste… total modernes Ding. Er war stolz wie Bolle und erzählte zwei Monate lang jedem von seiner tollen neuen Schallzahnbürste. Der Mann, sein Rollstuhl und die Schallzahnbürste. Wir konnten Lieder davon singen.

Inzwischen können auch andere Kollegen zu ihm, ohne Gefahr zu laufen, bespuckt oder beschimpft zu werden.

Und er lächelt wieder. Das sind Momente, in denen ambulante Pflege wirklich Spaß macht.